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Systematik in der Manuellen Therapie

Um Funktionsstörungen des Bewegungssystems definieren zu können, ist eine gezielte und systematisch strukturierte Arbeitsweise notwendig. Neben der Beachtung und Beurteilung der Gelenkmechanik ist das systematische Vorgehen in der Untersuchung und Behandlung von Patienten ein weiteres  wichtiges Merkmal der Manuellen Therapie (Schomacher 2011). Es lassen sich dabei drei wesentliche Vorgehensweisen unterscheiden, die Euch  in den nächsten Blog`s vorgestellt werden sollen.

Das Clinical Reasoning als Begriff für die Denkvorgänge und Entscheidungsfindungsprozesse eines Therapeuten stellt das zentrale Element des physiotherapeutischen Handelns dar (Hengeveld 1998, Jones 1997). Die Art der Denkvorgänge des Therapeuten bestimmt das Vorgehen in der Untersuchung und Behandlung von Patienten (Klemme und Siegmann 2006). Man unterscheidet zwischen der Deduktion dem „rückwärts Denken“ als  systematischen – und der Induktion dem „vorwärts Denken“ als eher unsystematischen Ansatz (Klemme und Siegmann 2006).

Systematische Problemlösungsstrategien sind die hypothetisch – deduktive Vorgehensweise und das systematisch an Leitfragen orientierte Vorgehen. Im Gegensatz dazu ist das Mustererkennen eine eher unsystematische (heuristische) Strategie. Alle drei Vorgehensweisen sind in der Praxis nicht klar voneinander trennbar. Gedanken zu Hypothesen sowie verschiedenen Mustern, was ein Patient haben könnte, geschehen spontan und unweigerlich im Kopf des Therapeuten.

Hypothetisch- deduktives Vorgehen

Das hypothetisch – deduktive Vorgehen ist das wohl etablierteste in der Medizin (Klemme und Siegmann 2006). Dabei werden überprüfbare Annahmen (Hypothesen) aus vielen Informationen abgeleitet und schrittweise eingegrenzt, bis eine übrig bleibt (Hengeveld 1998, Jones 1997). Im ersten Schritt sammelt der Therapeut Patienteninformationen aus der Anamnese, verarbeitet und Interpretiert diese und generiert daraus viele Hypothesen. Diese werden in der physischen Untersuchung überprüft und weiter eingegrenzt, bis eine Hypothese als physiotherapeutische Diagnose übrig bleibt. Der Therapeut plant eine Probebehandlung bei der die favorisierte Hypothese mittels Wiederbefund bestätigt oder widerlegt wird. Im Sinne der partizipativen Entscheidungsfindung erfolgt die Behandlungsplanung, die der Therapeut zusammen mit dem Patienten festlegt.

In Anbetracht einer möglicherweise sehr komplexen klinischen Situation, ist die Wissensstrukturierung und Organisation von entscheidender Bedeutung. Dazu stehen verschiedene Hypothesenkategorien zur Verfügung, die bei der Einordnung vieler Informationen helfen. Die von Jones und Rivett 2004 postulierten Kategorien sind:

  • Dysfunktionen – Akt.-/Partizipationseinschränkungen (ICF)
  • Pathobiologische Mechanismen
  • der Symptome/Funktionsstörung
  • Beitragende Faktoren
  • Vorsichtsmaßnahmen/Kontraindikationen
  • Management
  • Prognose

Vorteile:

  • bietet eine Richtlinie bei schwierigen Fällen
  • Effizient zur Reduzierung von Datenmengen, und bei der Problemstrukturierung

Nachteile:

  • Es müssen alle Hypothesen überprüft werden => hoher/niedriger Zeitaufwand
  • Anzahl der Hypothesen sind abhängig vom Wissen des Therapeuten => übersehen anderer Ursachen

Im nächsten Blog erfahrt Ihr mehr über das systematische an Leitfragen orientierte Vorgehen.

Sebastiaan ter Burg @Flickr

Literatur:

Hengeveld E. Gedanken zum Indikationsbereich der Manuellen Therapie, Teil 1. Manuelle Therapie;1998:176-181.

Jones MA. Clinical Reasoning: Fundament der klinischen Praxis und Brücke zwischen den Ansätzen der Manuellen Therapie. Teil 1. Manuelle Therapie;1997:3-9.

Jones MA, Rivett DA. Clinical Reasoning for Manual Therapists. Edinburgh: Butterworth Heinemann 2004.

Klemme B, Siegmann G. Clinical Reasoning – Therapeutische Denkprozesse Lernen. Stuttgart-New York: Georg Thieme Verlag 2006.

Schomacher J. Manuelle Therapie: Bewegen und Spüren Lernen. 5. Aufl. Stuttgart – New York: Georg Thieme Verlag 2011.

 

 

 

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