Herr S., 59 Jahre, stellt sich in der Physiotherapie wegen „schmerzhaft eingeschränkter Schulterbeweglichkeit links“ vor, ICD 10 C69.3. Die Schmerzen bestehen seit mehreren Jahren, an ein Trauma als möglichen Auslöser kann er sich nicht erinnern. Vor drei Jahren wurde ein malignes Melanom diagnostiziert und behandelt. Herr S. ist als Sachbearbeiter in einer Behörde tätig, derzeit liegt keine Arbeitsunfähigkeit vor.
Weiterhin berichtet er, dass er vor einem Jahr bei der Renovierung des Hauses seines Sohnes aktiv beteiligt war. Es hätte ihm viel Spaß gemacht und er freut sich, dass das Haus des Großvaters von der Familie weiter genutzt wird. Die linke Schulter sei durch die körperliche Aktivität nicht schlechter geworden.
Alltagsaktivitäten:
Die Armfunktion links ist deutlich eingeschränkt, Überkopfaktivitäten sind nicht möglich. Nachts wacht er mit lokalen Schmerzen auf, wenn er auf der betroffenen Schulter liegt.
Auf Grund der anhaltenden Symptomatik stellt der Hausarzt nun erstmalig eine Verordnung für Physiotherapie aus, bislang wurde keine weiterführende Diagnostik durchgeführt, eine Anmeldung zum MRT liegt vor.
Das Screening der Halswirbelsäule als möglicher Auslöser der Symptomatik ist unauffällig, es gibt keinen Hinweis auf eine Beteiligung des Nervensystems. Die angrenzenden Gelenke sind frei beweglich.
Beim Ausziehen des T-Shirts fällt auf, dass Herr S. das T-Shirt über den Kopf zieht, ohne die linke Schulter zu bewegen. ROM links:
Ext/Flex: 20°-0-35° Abd: 40° AR/IR: 30°-0-70°
Passiv kann die Schulter nur wenig weiterbewegt werden, das Endgefühl ist leer.
Scheitel-/Nackengriff sind nicht möglich, Extension/Innenrotation (Schürzengriff) ist erheblich eingeschränkt.
Die Kraftstufe für sämtliche Bewegungsrichtungen beträgt Stufe 3, bei NRS 5-6/10.
In der Bewegungswiederholung zeigt sich, dass die Kraft nach wenigen Wiederholungen deutlich nachlässt.
Der Schmerz wird als ziehend angegeben, ausstrahlend vom Humeruskopf ventral in den proximalen Oberarm. Insbesondere Abduktions- und Flexionsbewegungen provozieren die Symptomatik. In Ruhe bestehen aktuell keine Symptome.
Die Testung der Stabilität ergibt kein auffälliges Ergebnis, die translatorischen Tests sind indifferent.
Es liegt eine mittlere bis hohe Irritierbarkeit vor, mit Schwerpunkt auf den aktiven Strukturen. Der nozizeptiv mechanische Schmerzmechanismus weist eine entzündliche Komponente auf.
Es liegen keine psychosozialen Risikofaktoren vor. Bezüglich der onkologischen Erkrankung gelten Vorsichtsmaßnahmen, die durch die MRT Diagnostik ausgeschlossen werden können.
Zusammengefasst handelt es sich demnach um eine schmerzhafte, schwache Schulter bei chronischem Verlauf und unklarer Genese.
Probebehandlung:
Traktion Stufe 2 in Ruhestellung.
Herr S. gibt bei der Durchführung eine unmittelbare Entlastung und Linderung der Symptome an. Als Eigenübung führt er Pendelübungen mit einer 2 kg Gewichtsmanschette durch, sowie isometrische Übungen. Die Traktionsbehandlung wird fortgesetzt und gesteigert auf Stufe 3.
Zusätzlich wurde im Rahmen der Physiotherapie der Hypertonus der Schulter/Nackenmuskulatur mitbehandelt und in Absprache mit dem Patienten ein individuelles Übungsprogramm erstellt.
Nach vier Behandlungen innerhalb von drei Wochen hat sich das ROM wie folgt verbessert:
Ext/Flex: 20-0-60° Abd:70° AR/IR: 40°-0-70°
Die Kraftstufe konnte nicht gesteigert werden.
Mit dem Behandlungsergebnis der Physiotherapie war Herr S. zufrieden.
Auf Nachfrage bezüglich der Tumorbehandlung vor 3 Jahren gibt Herr S. weitere Details an: Das Melanom der Aderhaut wurde mit Nivolumab, einer sogenannten Checkpoint-Inhibitor-Therapie (CI), behandelt. Wegen starker Nebenwirkungen, konkret rezidivierender Pneumonitis, musste die Therapie jedoch abgebrochen werden.
Nach Recherche und Rücksprache mit dem behandelnden Onkologen wurde folgender medizinischer Hintergrund deutlich:
In den letzten Jahren hat sich die Behandlung onkologischer Erkrankungen durch die sogenannte Immuncheckpoint-Inhibitoren-Therapie (CI) deutlich verbessert. Es heißt, dass die CI die Tumortherapie revolutioniert hat. Doch neben der gewünschten antitumoralen Aktivität entwickeln sich unter der Therapie auch Autoimmunphänomene gegen gesundes Gewebe, insbesondere muskuloskelettale Nebenwirkungen werden beschrieben.
Wie wirkt die Checkpoint-Inhibitoren-Therapie?
Sie blockieren Immun-Checkpoints, und damit auch die Regulation der T-Zell-Aktivität gegen körpereigene Strukturen. Die übermäßig aktivierten T-Zellen wehren sich gegen maligne entartete Zellen, indem sie Antigene gegen die Tumorzellen bilden.
Die Anwendung des Verfahrens bei bestimmten Tumorentitäten erweitert sich ständig, Checkpoint-Inhibitoren werden u.a. bei metastasierten Melanomen, Lungen- und Nierenzellkarzinomen bzw. dem Hodgkin Lymphom eingesetzt.
Komplikationen:
Neben dermatologischen, gastrointestinalen und endokrinen Nebenwirkungen treten insbesondere muskuloskelettale Symptome bei ca. 10 % aller Tumorpatienten auf.
Diese sind z.B.: Arthritis, Myositis, Arthralgien, Myalgien, Synovitis.
Die Symptome treten im Zeitraum von < 12 Wochen nach der ersten CI Gabe auf.
Die meisten Nebenwirkungen sind leicht bis mittelschwer und führen nicht zur Beendigung der Therapie.
Im Falle der genannten Komplikationen wird empfohlen, frühzeitig die Mitbehandlung durch einen Rheumatologen zu suchen, und somit die Therapie mit CI fortsetzen zu können. Bei Herrn S. hatte die interdisziplinäre Abstimmung nicht stattgefunden. Die CI Behandlung wurde abgebrochen.
Inzwischen liegt die Zusammenfassung der Magnetresonanz Untersuchung wie folgt vor:
- Flache Bursitis subacromialis und subdeltoidea
- Moderate bis kräftige Tendinitis calcarea mit geringer Aufrauhung der bursaseitigen Supraspinatus Sehne, sowie einer interstitiellen Teilläsion
- Moderate bis kräftige Ansatztendinitis der Subscapularis Sehne, gering gelenkseitig aufgerauhte Sehne des Infraspinatus und gering des Teres minor
- Kräftige Peritendinitis/Tenosynovitis der Langen Bicepssehne
- Moderate glenohumerale Synovialitis des gering degenerierten Glenohumeralgelenkes
Es bleibt die Frage nach einer Prognose und Perspektive für die Weiterbehandlung zu beantworten. Zunächst war die schnelle Symptomlinderung und Funktionszunahme im Behandlungsverlauf überraschend. In Absprache mit dem Patienten wurde eine Progression der aktiven Übungen für die nächsten Therapieeinheiten geplant, unter Verwendung einer Pulley Schlinge und eines Seilzuges, um die konzentrisch/exzentrische Muskelaktivität zu kontrollieren. Übungen in geschlossener Kette, das Training von Skapula- und Rumpfmuskulatur wurden fortgesetzt. Herr S. möchte ausprobieren, ob ein weiterer Funktionsgewinn möglich ist, ohne Verstärkung der Schmerzsymptomatik. Er hat Pläne für diverse Freizeitaktivitäten und kleine Renovierungsarbeiten am Haus des Sohnes.
Literatur:
- Dtsch Arztebl 2022; 119(7): [18]; DOI: 10.3238/PersOnko.2022.02.18.03
- https://www.journalmed.de/rheumatologie/immun-checkpoint-inhibitoren-muskuloskelettale-nebenwirkungen
accessed: 2026-05-09
- Dobrota, R. 2025 Nebenwirkungen durch Immun-Checkpoint Inhibitoren
accessed: 2026-05-08
- Luedtke K. et al., Physiotherapeutische Untersuchung und Behandlung von Muskel-Sehnen-assoziierten Schulterschmerzen. Physioscience. DOI 10.1055/a-2603-5907. Thieme
- Petzold R., Schwarz, R. Dem Schmerz auf der Spur. Physiopraxis 9/25. Thieme
- Luomajoki, H. 2023 Bewegungsdysfunktion und Bewegungskontrolle. Thieme
Bildquelle: https://www.istockphoto.com/de/foto/ein-mann-mit-schulterschmerzen-geht-zum-arzt-der-arzt-diagnostiziert-die-armschmerzen-gm1415996324-464145757?utm_source=pixabay&utm_medium=affiliate&utm_campaign=limited-