Functional Movement Screen – Teil II: Evidenz

Functional Movement Screen – Teil II: Evidenz

Letztes Jahr war ich auf einer Fortbildungsveranstaltung in Berlin mit Vorträgen zum Thema Interdisziplinäre medizinische Versorgung von Hochleistungs- und Freizeitsportlern. Unter anderem wurde dort das Functional Movement Screen (FMS), welches zur Erfassung von Flexibilität, Mobilität, Haltungsstabilität und bewegungsassozierten Schmerzen dient vorgestellt. Die Vorgehensweise dieses Screeningverfahrens wurde in meinem letzten Blog Eintrag ausführlich beschrieben.

Sehr interessant war ein Vortrag von Dr. Ralf Doyscher, welcher am Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie in der Abteilung für Sportmedizin an der Charité arbeitet. In seinem Vortrag setzte er sich kritisch mit der Evidenz des FMS auseinander.

Doyscher et al. (2016) publizierten zu genau diesem Thema einen Review. Im Folgenden findet ihr eine Zusammenfassung dieser Arbeit. Mit dem Ziel Screening Verfahren auch kritisch zu betrachten und dadurch Wege zu finden, um diese für die Zukunft zu verbessern.

In dem Review wurden 35 relevante Studien, die im Zeitraum von 2004-2014 publiziert wurden mit einbezogen. Davon waren 16 deskriptive Studien, welche die Objektivität und Reliabilität untersuchten. 12 Studien erforschten Zusammenhänge des FMS mit der sportlichen Leistungsfähigkeit und der Verletzungshäufigkeit. Weitere 7 Studien prüften die Effektivität von FMS-basierten Trainingsprogrammen.

 

Ergebnisse:

Der FMS ist ein objektives und zuverlässiges Verfahren, wenn man das gesamte Screeningverfahren betrachtet. Bei einer Prüfung der einzelnen Übungen bestätigt sich dies nur zum Teil. In drei Studien zeigte sich, dass die Übungen Hurdle Step (Schritt über eine Hürde) und In-Line Lunge (Ausfallschritt auf einem Balken) die geringste Objektivität und Reliabilität aufwiesen.

Ebenso zeigte sich bei der Auswertung der Studien, dass die Objektivität und Reliabilität höher ist, je mehr Berufserfahrung ein Tester aufweisen kann. Es wird aber auch darauf hingewiesen das mangelnde Erfahrung bis zu einem gewissen Maß durch intensive Schulungen ausgeglichen werden kann.

In Bezug auf die Validität wurde untersucht, ob der FMS für leistungsdiagnostische Zwecke geeignet ist und ob er ein Verletzungsrisiko prognostizieren kann.

Es zeigt sich, dass der FMS nicht für leistungsdiagnostische Zwecke geeignet ist. Dazu wurde in einer der inkludierten Studien untersucht, inwieweit die Core Stability einen Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit und das Verletzungsrisiko hat. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Rumpfstabilität und dem FMS gibt (Okada et al. 2011). Dies untermauerte eine weitere Studie, die nur einen geringfügigen Einfluss der Rumpfstabilität auf die Leistungsfähigkeit zeigen konnte (Reed et al. 2012). Ebenfalls wurde von Doyscher et al. festgestellt, dass die Gesamtpunktzahl des FMS keine direkten Schlüsse zu lässt über die funktionelle Leistungsfähigkeit eines Teams oder der von Individualsportlern.

Die Fähigkeit des FMS das Verletzungsrisiko zu prognostizieren ist aufgrund der untersuchten Studienlage nur als gering bis moderat einzuschätzen. Zwar zeigten zwei Studien einen Zusammenhang von FMS und Verletzungen bei einem Score von ≤ 14 (Chorba et al. 2010; Kiesel et al 2014). Jedoch bemängelten Doyscher et al. die Qualität der Studien, da u.a. wichtige Informationen, wie z.B. Verletzungskontext, Verletzungsart oder Alter der Spieler fehlten bzw. nicht berücksichtigt wurden.

 

Handlungsempfehlungen:

Aufgrund der Ergebnisse und Auswertung der 35 Studien geben Doyscher et al. (2016) folgende praktische Tipps bzw. Ideen um das Screeningverfahren zu optimieren.

  1. Das nutzen einer Schmerzskala (VAS / NRS) um besser mögliche Veränderungen von Schmerzen zu erfassen.
  2. Bessere Schulung der Tester und ausreichende Erfahrung (mindestens 100 Versuche). Eine Idee wäre den FMS mit Bildern oder auf Video aufzunehmen, dadurch kann laut der Autoren eine bessere Transparenz erreicht werden.
  3. Eine Erhöhung oder Variation der Bewegungsgeschwindigkeit. Dadurch bekommt man mehr Informationen zur exzentrischen Kontrolle.
  4. Die Autoren empfehlen weitere Messverfahren zu nutzen wie das LESS (Landing-Error-Scoring-System); inertiale Goniometrie und sportspezifische Diagnostik.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der FMS eine einfache, strukturierte muskuloskeletale Funktionsdiagnostik bietet, welche sich leicht erlernen lässt und schnell durchführbar ist. Jedoch sollten für detailliertere Aussagen sport- und aufgabenspezifischere Diagnostiken verwendet werden.

 

Literaturverzeichnis

Chorba R.S., Chorba D.J., Bouillion L.E.

Use of a functional movement screening tool to determine injury risk in female collegiate athletes.

North American Journal of Sports Physical Therapy 2010; Ausgabe 5: 47-54.

Doyscher R, Schütz E, Kraus K.

Evidenz des Functional Movement Screen im Leistungssport – Ein strukturierter Review mit eigenen Daten.

Sports Orthopaedics and Traumatology 2016; Ausgabe 32: 4-13.

Okada T, Huxel K.C., Nesser T.W.

Relationship between core stability, functional movement, and performance.

Journal of strength and conditioning research 2011; Ausgabe 25: 252-261.

Reed C.A., Ford K.R., Myer G.D.

The effects of isolated and integrated core stability training on athletic performance measures: a systematic review.

Sports Medicine 2012; Ausgabe 42: 697-706.

Titelbild:
Pexel — https://www.pexels.com/photo/football-players-in-blue-jersey-lined-under-grey-white-cloudy-sky-during-sunset-186076/

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