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Die Orthopädische Manuelle Therapie in Japan – Ein Kurs und Erfahrungsbericht

Innerhalb der Assistentenausbildung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Manuelle Therapie (DGOMT®) hatte ich die Möglichkeit bei einem OMT-Kurs in Japan unter der Leitung von Christian Gloeck zu assistieren. Eine schöne Gelegenheit, die Menschen und die Physiotherapie in einem fremden Land mit all seinen Facetten kennen zu lernen.

In Japan stehen Interessenten für eine Ausbildung zum/zur Physiotherapeut/en/in zwei Bildungswege zur Verfügung. Zum einen die Möglichkeit einer vierjährigen Ausbildung an einer Berufsfachschule, zum anderen die eines, über den gleichen Zeitraum dauernden, Studiums an einer Universität. Im Vergleich zu Deutschland sind die Inhalte der jeweiligen Ausbildungen, wie in vielen anderen Ländern auch, wesentlich theoretischer ausgelegt.
Zum Beispiel absolvieren die Berufsfachschüler über die gesamte Ausbildungsdauer nur zwei praktische Module von jeweils acht Wochen. Der universitäre Bildungsweg ermöglicht den Absolvent/en/innen nach ihrem Bachelor- bzw. Masterabschluss in der Forschung als wissenschaftliche Mitarbeiter/innen tätig zu sein.
Die Ausbildungs- bzw. Studiengebühren sind sehr hoch, die jährlichen Kosten belaufen sich auf etwa 10.000 €. Häufig werden diese über Ausbildungskredite bezahlt, die die Eltern für ihre Kinder abgeschlossen haben. Trotz der akademischen Abschlüsse gibt es im japanischen Gesundheitssystem ein Niederlassungsverbot für Physiotherapeuten. Außerdem besteht eine klare Hierarchie, bei der die Ärzteschaft eine sehr hohe Autorität besitzt und neuen Entwicklungen in der Physiotherapie eher skeptisch gegenübersteht.
Dadurch arbeitet der größte Teil der Therapeuten in Kliniken und Therapiezentren unter der „Aufsicht“ von Ärzten.

Die Weiterbildung in Orthopädischer Manueller Therapie wird seit vielen Jahren von der Japanese Orthopaedic Manual Therapy Association (JOMTA) in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften des Kaltenborn/Evjenth International angeboten.
Die japanische OMT-Ausbildung geht über einen Zeitraum von 4 Jahren und ist in zwei Abschnitte unterteilt. Die Basic-Kurse, bei denen die Teilnehmer/innen die Grundlagen der Manuellen Therapie kennenlernen, sind den Zertifikatskursen in Deutschland gleichzusetzen. Im zweiten Abschnitt, den Advanced-Kursen, wird dann der OMT spezifische Stoff in Theorie (Wissenschaftliches Arbeiten, Bildgebende Verfahren etc.) und Praxis (Technikverfeinerung, Manipulationen, Supervision) vermittelt. In den Supervisionswochen gehen die Teilnehmer/innnen in Kliniken und Therapiezentren und werden dort von erfahrenen OMT – Supervisor/en/innen betreut. Diese Art des Unterrichtes, bei dem u.a. das klinische Handeln und das Patientenmanagement beurteilt werden, ist eine sehr effektive Weise, die in den Kursmodulen erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten in die Praxis umzusetzen.

Während unseres einwöchigen Aufenthaltes wurde das Modul „Manipulationen an der unteren Wirbelsäule und der unteren Extremität“ unterrichtet. Der Kurstag begann mit einer Art Big Ben Ton, dabei erhoben sich alle Teilnehmer/innen von ihren Sitzen und verneigten sich vor dem Schulleiter, der die Klasse begrüßte. Die japanischen Teilnehmer/innen waren während des Unterrichtes sehr diszipliniert und wissbegierig, sind aber „Hands on-Korrekturen“ von den Assistenten, wie wir sie kennen, nicht gewöhnt und reagierten anfangs ehrfürchtig zum Teil auch etwas verschüchtert darauf. War das Eis aber erst einmal gebrochen, waren sie für jeden Hinweis dankbar. Letztlich sind die Fragen der Teilnehmer/innen beim Erlernen der Manuellen Therapie in Japan dieselben wie in Deutschland. Das Clinical Reasoning mit den sich daraus ergebenden klinischen Schlussfolgerungen, das räumliche Vorstellungsvermögen und die Ausführung der Technik in der für den/die Therapeuten/in ergonomischsten Ausgangsstellung sind Punkte, mit denen die Teilnehmer/innen die größten Schwierigkeiten hatten.

Das größte Hindernis war sicherlich die Sprachbarriere. Um diese abzubauen, standen uns zwei Dolmetscher, Frau Nishimura und Herr Dr. Tomi, zur Seite. Die Kurssprache war Deutsch und wurde ins Japanische übersetzt. Die Kommunikation beim praktischen Üben an der Bank war dann schon etwas schwieriger, aber mit Händen und Füßen und den vorhandenen Englischkenntnissen (viele Japaner sprechen wenig oder gar kein Englisch) wurde auch diese Hürde genommen. Kam es während der Kurstage doch einmal zu Verständigungsproblemen, konnten diese mit Hilfe der beiden sehr guten Dolmetscher schnell gelöst werden.

Am letzten Kurstag stand uns Dr. Tomi, der Vater der OMT-Ausbildung in Japan, als Übersetzer zur Verfügung. Er ist Orthopäde in Osaka und hat große Verdienste im Bereich der japanischen Manuellen Therapie. Er lebte viele Jahre in Deutschland und arbeitete als Arzt an verschiedenen Krankenhäusern. In dieser Zeit absolvierte er eine chiropraktische Ausbildung u.a. bei Dr. Cramer und Freddy Kaltenborn, wobei sich eine enge Freundschaft zu Kaltenborn entwickelte. Angetan von dessen Konzept wollte er japanischen Physiotherapeuten eine Ausbildung in Manueller Therapie ermöglichen. Nach seiner Rückkehr nach Japan mussten zunächst einige bürokratische Hürden überwunden werden, bevor Freddy Kaltenborn 1988 nach Shiga reisen konnte, um die ersten Physiotherapeut/en/innen in Orthopädischer Manueller Therapie zu unterrichten.

Am Ende eines jeden Tages konnte man im Hotel bei sehr gutem japanischen Essen die neu gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen Revue passieren lassen.
Trotz der großen Stoffmenge, die zu unterrichten war, kam der gesellige Teil nicht zu kurz. Das ist in Japan nicht anders als in Deutschland. Am letzten Abend wurden wir zu einem Abschiedsessen in ein Restaurant eingeladen, wo all das, was man sich unter japanischer Küche vorstellt, serviert wurde und das nicht von den Kellnern, sondern von den Teilnehmern. Es war ihnen ein Anliegen, uns an diesem Abend zu bewirten. Es gab kleine Geschenke und wir bedankten uns für die hervorragende Organisation und bei der Gruppe für die gute Mitarbeit.
Wie immer verging die Zeit viel zu schnell und so saß man bald auch schon wieder im Flieger Richtung Frankfurt. Einen bleibenden Eindruck haben bei mir die freundlichen Menschen mit ihrer Gastfreundschaft und Disziplin hinterlassen.

Bild: Mojan Brenn @flickr

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