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Systematik in der Manuellen Therapie – Teil 2

Um Funktionsstörungen des Bewegungssystems definieren zu können, ist eine gezielte und systematisch strukturierte Arbeitsweise notwendig. Neben der Beachtung und Beurteilung der Gelenkmechanik ist das systematische Vorgehen in der Untersuchung und Behandlung von Patienten ein weiteres  wichtiges Merkmal der Manuellen Therapie (Schomacher 2011). Nachdem im letzten Blog der hypothetisch-deduktive Prozess vorgestellt wurde, erfahrt Ihr heute mehr über das systematisch an Leitfragen orientierte Vorgehen.

Systematisch an Leitfragen orientiertes Vorgehen

Bei dieser Strategie wird eine Reihe von Untersuchungsschritten stets nach der gleichen Art und Weise bearbeitet (Schomacher 2011). Dieser strenge Ablauf wird angewandt, um einerseits in der täglichen Routine nichts zu übersehen und um andererseits den Kopf für das Interpretieren einzelner Befunde „frei“ zu halten (1995 Debrunner). Das zentrale Ziel dieser Art des Vorgehens ist es, ein Problem vollständig zu erfassen und dadurch geeignete Lösungsmöglichkeiten zu generieren (Kaiser und Kaiser 1999).

Ein programmierter und systematischer Untersuchungsaufbau wird auch von Seiten der Medizin empfohlen (Cutler 1998). Im Kaltenborn/Evjenth – Konzept war dieser anfangs anhand der durchzuführenden Techniken gegliedert. Kaltenborn entwickelte in den 1990 iger-Jahren diesen klassischen Untersuchungsablauf weiter und betonte mehr den Sinn der einzelnen Untersuchungsschritte – was soll aus welchem Grund als nächstes untersucht werden  (Kaltenborn 1999). Damit steht jetzt mehr die überlegte Problemlösung im Mittelpunkt, die individuell entschieden werden muss, aber dennoch einem klaren Schema folgt (Schomacher 2011).  Es wird nicht jeder Untersuchungsschritt bei jedem Patienten ausgeführt, aber jeder Schritt sollte in die Denkprozesse einfließen (Schomacher 2011).

Folgenden Leitfragen führen systematisch durch den Untersuchungsgang:

Soll und darf ich den Patienten bewegen?

(Indikation bzw. Kontraindikation für PT?)

Muss ich vorsichtig sein?

(Aktualität des Geschehens/Schmerzbewältigung des Patienten)

Wo soll ich behandeln?

(Bereichs- und Symptomlokalisation: In welchem Gelenk-Segmentbereich korreliert Bewegung/Haltung mit den Beschwerden des Patienten?)

Wie soll ich behandeln?

(Wie ist die Beweglichkeit? Hypo-, physiologisch mobil, Hyper-)

Was soll ich behandeln?

(Welche Struktur ist betroffen?)

Was soll ich zusätzlich behandeln?

(Welche beitragenden und/oder verursachenden Faktoren bestehen?

Welche Folgen hat das Problem für das Leben des Patienten?

(ICF – Körperstrukturen und –funktionen, Aktivitäten, Partizipation?)

Die Antworten ergeben dann die physiotherapeutische Diagnose, aus der die Behandlung abgeleitet wird. Dieser Ablauf entspricht dem vertikalen/konvergenten Denken zur Synthese, ermöglicht aber auch bei jedem Schritt ein laterales/divergentes Denken zur erweiterten Analyse des Problems.

Vorteile:

  • Strukturierungs – und Orientierungshilfe für Gedankengänge und Denkprozesse (Novizen)
  • erweitert den Blickwinkel für noch nicht bedachte Aspekte
  • hilft eine Vielfalt von Informationen einzugrenzen und zu Strukturieren (Klemme und Siegmann 2006)

Nachteile:

  • Über die Mechanik des Bewegungssystems (und die damit in Zusammenhang stehenden Symptome des Patienten) herrschen verschiedenste Sichtweisen vor und es gibt diesbezüglich keinen Konsens in der Physiotherapie (Schomacher 2014)

Im nächsten Blog erfahrt Ihr mehr über das Mustererkennen.

Bild: Bettina Braun@Flickr

Literatur:

Cutler P. Problem Solving in Clinical Medicine, From Data to Diagnosis. Philadelphia: Lippincott Wiliams & Witkins 1998.

Debrunner AM. Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, Die Störung des Bewegungsapparates in Klinik und Praxis. Bern: Verlag Hans Huber 2005.

Kaiser A, Kaiser R. Metakognition. Denken und Problemlösen optimieren. Neuwied: Luchterhand 1999.

Kaltenborn F. Manuelle Therapie nach Kaltenborn: Untersuchung und Behandlung: Teil 1 Extremitäten. 10. Aufl. Oslo: Olaf Norlis Bokhandel 1999.

Klemme B, Siegmann G. Clinical Reasoning – Therapeutische Denkprozesse Lernen. Stuttgart-New York: Georg Thieme Verlag 2006.

Schomacher J. Clinical Reasoning und Vorgehensweisen in der OMT. Masterstudiengang Musculoskelettale Physiotherapie der Donau-Universität 2014, Krems.

Schomacher J. Manuelle Therapie: Bewegen und Spüren Lernen. 5. Aufl. Stuttgart – New York: Georg Thieme Verlag 2011.

 

 

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