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Interozeption

 

Nicht selten berichten Patienten, dass sie nach einer Behandlung das Gefühl haben, dass etwas aufgeborchen wäre, sich etwas geweitet hätte. Das konnte ich vemehrt bei Patienten beobachten, bei denen ich eine hypomobile BWS behandelt habe. Ohne groß darüber nachzudenken habe ich diese Emfindung auf die Stimulation der Propiozeptoren (Mechanorezeptoren, Spindel, Golginapparat) während der MT-Behandlung zurückgeführt. Wenn Patienten dann noch berichtet haben, dass Schwindel oder Kribbeln in den Armen abgenommen haben und sich bis dahin in der Untersuchung keine KI’s und keine sonstigen Anhaltspunkte zur Erklärung dieser Symptome ergeben haben, habe ich vermutet, dass ich mit der Behandlung Einfluss auf das vegetative Nervensystem genommen habe.

Bis ich der Literatur auf neue Erkenntnisse von Schleip und Jäger zum Begriff der Interzeption gestoßen bin.

In der Vergangenheit wurde der Begriff der Inerozeption nur auf viszerale Empfindungen bezogen. Der Körper wurde über das Funktionieren von Organen informiert. In jüngster Zeit wird mit Interozeption der Sinn für den physiologischen Zustand des gesamten Körpers beschrieben. Diese Erkenntniss erweitern auch die Sicht auf die Wirkungsweise vieler Techniken aus der MT.

Worin unterscheiden sich Interozeption und  Propriozeption?

Den Vergleich zeigt, dass es hier um zwei verschiedene Systeme geht.

Das propriozeptive System nutzt Mechanoreptoren. Bekannt sind die in der Gelenkkapsel gelegenen Ruffini- und Pacinni-Körper, die Muskelspindel in den intrafusalen Fasern und der Golgiapparat in den Sehnen. Sie alle haben eine typischen Form, so dass sie unter dem Mikroskop gut zu erkennen sind. Alle reagieren auf mechanische Deformierung, auch wenn sie unterschiedliche, zum Teil recht hohe Reizschwellen haben. Die Information wird über afferente Neuronen zum Thalamus, dem somatosensiblen Kortex weitergeleitet. Hier  wird  sortiert, was zum Kortex weitergeht. Der efferente Output aus diesen Informationen führt zu Muskelaktivität und Bewegungsorganisation.

Das interozeptive System nutzt die große Anzahl der freien Nervenendigungen.  Es sind meist langsamleitende C-Fasern, oft mit einer niedrigen Reizschwelle. Das bedeutet, dass sie auf leichte Deformierung, sogar Berührung reagieren. Sie sind in der Haut vorhanden; eine große Zahl findet man auch in faszialem Gewebe wie Peri- und Endomysium. Die in Faszien gelegenen Nervenendigungen werden auch deformiert, wenn das benachbarte Muskelgewebe die Form verändert. Sie leiten die Information ohne direkte mechanische Beeinflussung am Rezeptor selbst weiter. Die Neuronen enden im Lamina I des Rückenmarks und steigen über die spinothalamische Bahn auf bis zum Inselkortex, dem eingesenkten Teil der Großhirnrinde. In der Inselrinde werden die Informationen integriert und u.a. emotional verarbeitet. Dies erklärt die positiven Empfindungen, die durch manuelle Behandlungen ausgelöst werden können.

Ebenso wie die interozeptive Nervenendigungen Informationen über den Zustand der Organe vermitteln, können sie im myofaszialen Gewebe Informationen über  die Arbeitsbelastung der Muskulatur senden. Es können regulative Prozesse erfolgen, die die Durchblutung oder Wasserbindung steuern. Auf Rückenmarksebene befinden sich Interneuronen von Lamina I zu den sympatischen Kernen. Wie oben beschrieben, lässt sich ein Teil der positiven Effekte mit der Einwirkung auf das sympathische Nervensystem erklären. Die Afferenzen dazu scheinen zum Teil aus dem interozeptiven System zu kommen.

In der MT Behandlung können sowohl das proprizeptive als auch das interozeptive System  genutzt werden. Während die Behandlungsgriffe an den verschiedenen  Mechanorezeptoren  direkt ansetzen und Informationen weiterleiten, können in der Folgezeit interozeptive Information bewertet werden. So machen für mich die oben genannten Äußerungen wie, gefühlte Erweiterung der behandelten Region, Befreiung und so weiter Sinn und ich kann sie als einen Parmeter für die Steuerung meiner weiteren Behandlung nutzen.

Es ist immer wieder interessant zu lesen, wie die aktuelle Wissenschaft Grundlagen bietet, die manuelle Therapie besser zu verstehen und erklären zu können, wieso die MT über strukturelle Veränderungen hinaus wirkt. Die messbare und gefühlte (Bewegungs)Erweiterung gehen Hand in Hand.

 

 

MSC in Rehabilitation Sciences and Physiotherapie, PT-OMT, arbeitet als Manualtherapeut mit Schwerpunkt Kinder und unterrichtet Manuelle Therapie nach Kaltenborn-Evjenth

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