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Konvex-Konkav-Regel

Manchmal stolpere ich in Physioforen über die Fragestellung, ob die Gleitmobilisation so, wie sie in der Konvex-Konkav-Regel (in weitern K-K-Regel) nach Kaltenborn beschrieben wird, noch ihre Richtigkeit hat.

Der Regel besagt, dass, wenn ein konvexer Gelenkpartner bewegt wird, das Gleiten in entgegengesetzte Richtung wie die Knochenbewegung im Raum geschieht; wenn ein konkaver Partner bewegt wird, erfolgt das Gleiten in die gleiche Richtung wie die Knochenbewegung.

Die Arthrokinematik besteht aber aus ein Gleiten und Rollen. Das Rollen folgt immer der Knochenbewegung. Der knöcherige Bau des Gelenks erzwingt eine Mechanik die gewährleistet, dass ein gesundes Gelenk während einer Bewegung zentriert bleibt. Da die Aussage der K-K-Regel eine biomechanische Ableitung ist, die sich auf die Anatomie der Gelenke stützt, kann man davon ausgehen, dass sie richtig ist und richtig bleiben wird, solange der menschliche Körperbau sich nicht wesentlich verändert!

Die Fragestellung allerdings, ob man aus dieser biomechanischen Regel immer die Behandlungsrichtung ableiten kann, ist berechtigt. Auch der Einfluss des Kapsel-Band-Apparates und der Muskulatur auf die Gleitrichtung müssen in Betracht gezogen werden und sollen Thema wissenschaftlicher Untersuchungen sein – über die Studienllage später mehr.
Die Aussage ob die K-K-Regel zur Bestimmung der Behandlungsrichtung so anzuwenden ist wie oben beschrieben, kann nicht losgelöst vom Rest der Untersuchung getroffen werden.

Nehmen wir als Beispiel das glenohumerale Gelenk, da dieses Gelenk bei der Fragestellung, ob der K-K-Regel stimmt oft im Fokus steht. Bei einer ventralen Hypermobilität kann es auf Grund einer Dezentrierung des Humeruskopfs zu Einschränkungen in der aktiven Außenrotation kommen. Es wäre an dieser Stellle verkehrt, ein ventrales Gleiten anzuwenden, um eine Kochenbewegung nach dorsal im Raum (die Außenrotation) zu verbessern. Dies bedeutet aber nicht, dass die K-K-Regel nicht stimmt. Es findet bei der Außenrotation ein Gleiten nach ventral und ein Rollen nach dorsal statt. Dadurch, dass der Humeruskopf auf Grund der Hypermobilität schon nach ventral steht, kommt es zu einem veränderten Verhaltniss zwischen Rollen und Gleiten. Es entstehen ein Klaffen und eine Kompression im Gelenk; die Außenrotation wird gebremst.

Durch Informationen aus vorherigen und folgenden Untersuchungsschritten, u.a. Testen des Endgefühls, Inspektion und Stellungstests wird der Untersucher die richtige Diagnose stellen. Als Behandlung wäre ein Zentrieren des Humeruskopfs mittels Gleiten nach dorsolateral richtig.
Wenn eine Hypomobilität ohne Stellungsdiagnose festgestellt wird, hilft die K-K-Regel insbesondere dem noch unerfahrenen Therapeuten, die richtige Gleitrichtung anzuwenden und das Gelenk schonend und effektiv zu mobilisieren. Letzten Endes ist es aber immer der Befund der die Grundlage für die Behandlung bildet und der in diesem Fall die Gleitrichtung bestimmt.

Wenn wir uns die Studien näher betrachten die in dieser Diskussion gerne zitiert werden, müssen wir feststellen, dass sie sich hauptsächlich mit der Position des Humeruskopfs während und nach der Bewegung befassen und nicht mit dem Roll-Gleit-Vorgang an sich.

In einer oft zitierten und durchaus interessanten Studie von Harymann et al. aus 1990 in The Journal of bone and joint surgery wird an 8 Schultern von Verstorbenen (durchschnittlich 73 Jahre alt) gezeigt, dass die Kapselspannung bei der Position des Humeruskopf nach einer Bewegung eine Rolle spielt. Es wird festgestellt, dass der Humerus bei Ungleichgewicht zwischen den vorderen und den hinteren Kapselanteilen nach angulairen Bewegungen nicht zentriert steht. Die im englischsprachigen verwendete „Translation“ des Humeruskopf nach ventral bei Außenrotation, sagt etwas über die Position des Humeruskopfes aus. Sie bezieht sich aber nicht auf das „translatorische“ Gleiten  der Arthrokinematik wie in der K-K-Regel beschrieben. Dieses Gleiten als Teil des Rollgleiten ist nicht Thema dieser Studie.

Unumstritten ist die Aussage, dass die Kapselspannung Einfluss auf die Position des Humeruskopfes hat. Hypomobilitäten führen zu einer Verlagerung der Bewegungsachse und damit auch zu einer Veränderung im Rollgleitenverhältnis im Gelenk. Dies wird in einem Artikel von Schomacher 2009, veröffentlicht in Manual Therapie 14 deutlich beschrieben. Die Dysbalance in der Kapselspannung ist eine wichtige Indikation für dieAnwendung der Manuellen Therapie nach Kaltenborn-Evjenth.
Lediglich eine Studie von Bayens et al. in Ergonomics  aus 2000 gibt an, sich mit Kaltenborns Regel im glenohumeralen Gelenk zu beschäftigen. Sie fanden heraus, dass lediglich  in einem Abschnitt der Wurfbewegung die Gleitrichtung anders war als in der K-K-Regel beschrieben. Es stellt sich aber heraus, dass eine Kippbewegung des Humerus bei 90° Abduktion in der Wurfbewegung eine Verschiebung nach dorsal bei der Außenrotation verursacht, was letztendlich der K-K-Regel auch nicht widerspricht.
Eine kritische Auseinandersetzung mit weiteren Studien zeigt, dass bei mehreren Studien die intraartikläre Position des Humeruskopfs Thema ist, sie sich  sich aber nicht mit dem Rollgleitverhalten während der rotatorischen (angulairen) Bewegung beschäftigen. Solange die Studienlage die Ableitung aus Anatomie und Biomechanik des Gelenkes nicht widerspricht, kann man guten Gewissens der K-K-Regel als gelenkschonende und effektive Mobilisationsmethode anwenden .
Viel Spaß beim Gleiten

Else

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