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Ermitteln der Gewebsreaktivität und 24-Stunden-Regel bei Frozen Shoulder

In zwei vorangegangenen Blog Beiträgen (Frozen Shoulder oder adhäsve Kasulitis & Frozen Shoulder Teil II) wurden schon ausführlich das Krankheitsbild der Frozen Shoulder (FS) und verschiedene Behandlungsansätze beleuchtet. Unabhängig von der Art der Behandlung (u.a. MT, PNF, FBL, …) ist es schwierig zu jedem Zeitpunkt, des meist sehr langen Behandlungsverlaufes, die richtige Dosierung zu wählen. In der vorangegangenen Literatur wurde sich bei der Behandlung oft an den einzelnen Phasen der FS orientiert. Jedoch ist es teilweise schwierig diese genau zu bestimmen und klar voneinander zu trennen und somit die Intensität der Behandlung und Aktivitäten (auch die des Patienten selber) adäquat durchzuführen. Das Schulternetzwerk Deutschland hat 2017 eine ausführliche Handlungsempfehlung bei FS für Physiotherapeuten herausgegeben, welches eine Übersetzung der Praxisleitlinie FS für Physiotherapeuten aus den Niederlanden ist. Unter anderem geht es in dieser Handlungsempfehlung darum wie man zu einer bestmöglichen Behandlungsstrategie gelangt. Eine Option ist es die Intensität der Behandlung und auch die Eigentherapie des Patienten (Selbstmanagement) auf Grundlage der Gewebsreaktivität und anhand der 24-Stunden-Regel durchzuführen.

 

Unter der Gewebsreaktivität des Patienten versteht man das Vermögen des Gewebes, wie es mit physischem Stress umgehen kann. Zur Gewebsreaktivität werden hier die typischen Entzündungszeichen: Schmerz; Schwellung; Rötung; Wärme und Funktionseinschränkung herangezogen. Aufgrund der Anamnese und Untersuchung wird die Gewebsreaktivität des Patienten in eine Hohe, Mäßige und Niedrige Reaktivität unterschieden und wie folgt festgestellt:

 

Kennzeichen einer Hohen Reaktivität:

  • hohes Schmerzniveau (NPRS ≥ 7)
  • häufiger Nacht- oder Ruheschmerz
  • hohes Niveau von Funktionseinschränkungen
  • deutlicher Schmerz in der gesamten Bewegungsbahn
  • passives Endgefühl kann nicht festgelegt (getestet) werden
  • großer Unterschied in der ROM aufgrund des Schmerzes (aktives ROM << passives ROM)

 

Kennzeichen einer Mäßigen Reaktivität:

  • mäßiges Schmerzniveau (NPRS 4-6)
  • ab und zu Nacht- oder Ruheschmerz
  • mäßiges Niveau von Funktionseinschränkungen
  • Schmerz bei endgradigen aktiven und passiven Bewegungen
  • kleiner Unterschied in der ROM aufgrund des Schmerzes (aktives ROM < passives ROM)

 

Kennzeichen einer Niedrigen Reaktivität:

  • geringes Schmerzniveau (NPRS ≤ 3)
  • keine Nacht- oder Ruheschmerz
  • niedriges Niveau von Funktionseinschränkungen
  • Schmerz bei endgradigen passiven Bewegungen
  • nahezu kein Unterschied in der ROM (aktives ROM = passives ROM)

 

Nach jeder Intervention und Aktivität(en), auch die des Patienten außerhalb der Therapie sollte die Gewebsreaktivität (Entzündungszeichen: Schmerz; Schwellung; Rötung; Wärme und Funktionseinschränkung) überprüft werden. Aber wie lange darf eine Gewebsreaktion andauern? Dazu gibt die 24-Stunden-Regel eine Orientierung.

 

Auf Grundlage der 24-Stunden Regel wird empfohlen bei einer hohen Reaktivität, keine extra Schmerzen zu erlauben. Dies erklären die Autoren damit, dass dadurch die 24 Stunden am Tag aktiven Myofibroplasten gereizt werden können und es somit zu einer Zunahme der bereits in Gang gekommenen Fibrosierung, Versteifung und weiteren Schmerzen kommen kann.

Bei mäßiger Reaktivität wird eine Dauer von 4 Stunden Schmerz hinterher erlaubt.

Bei einer niedrigen Reaktivität ist eine Dauer von 24 Stunden erlaubt. Zum besseren Verständnis hier ein Beispiel: Bei einer niedrigen Reaktivität liegt eine positive 24-Stunden-Regel vor, wenn die Reaktion innerhalb von 24 Stunden nachlässt. Während bei einer negativen 24-Stunden-Regel der Schmerz 24 Stunden anhält und erst danach abnimmt. Dies ist nicht erwünscht.

Die 24-Stunden Regel kann auch bei anderen Interventionen in Bezug auf den Bewegungsapparat angewendet werden.

 

Ein weiterer großer Vorteil der 24-Stunden-Regel ist für den Patienten selbst mehr Eigenverantwortung und Sicherheit im Selbstmanagement zu bekommen. Nicht selten zeigen Patienten ein nicht angepasstes Haltungs- und Bewegungsverhalten (zu wenig, zu viel oder falsches Bewegen). Anhand der 24-Stunden-Regel können sich Patienten bei Heimübungen und Aktivitäten adäquat selbst kontrollieren und die Intensität bzw. den Umfang immer wieder selbstständig anpassen.

 

Die komplette und sehr empfehlenswerte Handlungsempfehlung bei Frozen Shoulder findet ihr unter folgendem Link als PDF:

http://schulternetzwerk.de/wp-content/uploads/2017/09/SND-FS-Handlungsempfehlung.pdf

 

 

Literatur

Vermeulen HM, Schuitemaker R, Hekman KMC, Burg DH van der, Struyf F. Die SNN

Handlungsempfehlung Frozen für Physiotherapeuten 2017. Schulternetzwerk

Deutschland, August 2017: http://schulternetzwerk.de/Handlungsempfehlung-frozen-shoulder/

 

Egmond DL, Schuitemaker R. Extremiteiten, manuele therapie in enge en ruime zin.

Houten: Bohn Stafleu van Loghum; 2014.

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