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Anatomie und Biomechanik der Kopfgelenke

Das Wissen und Verstehen der Anatomie und Biomechanik der Kopfgelenke gehoert zu der Koenigsdisziplin in der Manuellen Therapie. Obwohl dies ein komplexes und schwieriges Thema ist sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Denn so schwierig die Biomechanik auch sein mag, so wichtig ist doch ihr Wissen in der Therapie. Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen, Bewegungseinschraenkungen und die Kiefergelenksprobleme (darueber in einem der folgenden Eintraege mehr) lassen sich mithilfe der Manuellen Therapie beeinflussen. Dies gelingt allerdings nur mit Erfolg, wenn eine genaue Untersuchung und eine befundorientierte Behandlung, mit dem Wissen der Biomechanik und Anatomie im Hinterkopf, stattfindet.

Aus anatomischer Sicht bestehen die oberen Kopfgelenke aus den Segmenten Co und C1. Aus neurophysiologischen und gelenkmechanischen Gesichtspunkten ist die Betrachtung dieser Region nicht ohne das Segment C2 moeglich.

Das Articulationes atlantooccipitales C0-C1 besteht aus den Condyli occipitales und der Foveae articulares superiores des Atlas.

Die Gelenkflaechen weisen eine laengsovale, gelegentlich bohnenfoermige Gestalt auf. Die Occiputkondylen sind konvex geformt. Die superioren Atlasgelenkflaechen konkav.

Der sagittale Achsenwinkel der Gelenke betraegt beim Erwachsenen 50-60. Der frontale Gelenkachsenwinkel betraegt als Norm 120-140.

 

Biomechanik/Gelenkbewegung :

 

  1. Articulationes atlantooccipitales C0-C1: Flexion/Extension

FL/EXT: je15; SN : 3-5; ROT: nur als Gelenkspiel vorhanden.

Flexion und Extension C0 werden auch als Inklination und Reklination bezeichnet.

 

  1. Articulationes atlantooccipitales C0-C1: Seitneigung/Rotation

Die entgegengesetzte Rotation zu Seitneigung ermoeglicht es den Kopf in der Mitte und den Blick geradeaus zu lassen. Die Kopfgelenke gleichen die unterhalb stattfindende gleichsinnige Rotation aus.

Bei Saeuglingen ist der Atlas in Bezug auf Lateralitaet noch in einer Mittel-position in Relation zu den Occiputkondylen. Mit zunehmendem Einfluss der Vertikalisation (steilerer frontaler Kondylenachsenwinkel) beginnt die Linkslateralitaet zu ueberwiegen, um im Schulkindalter etwa 40% rechts und 60% linkslateral zu sein (Ursache = Haendigkeitsenwicklung und somit muskulaere Adaptation?).

 

  1. Articulationes atlantoaxiales C1-C2: Flexion/Extension

Rotation bis 45; FL/EXT max. 10-15; SN auf ca. 5 reduziert (Diese ist nur moeglich mit einer Rotation des Axis =Zwangsrotation).

 

 

  1. Articulatio atlantoaxialis et articulatio atlantoaxialis mediana C1-C2: Rotation/Seitneigung

ROT: 20-45; SN: 3-5 (Die Achse fr Rotation liegt im Dens).

Rotation der HWS findet in Alltagsbewegungsausschlaegen zunaechst im unteren Kopfgelenk statt (Wird von den Ligg. alaria gebremst), bevor die restliche HWS mitbewegt. Das Segment C1 macht etwa die Hlfte der gesamten Rotation der HWS aus.

Die Empirie spricht dafr dass es im Atlantoaxialgelenk kaum zu Funktionsstoerungen im engeren Sinne kommt (H.D.Wolff Anmerkungen zur Pathophysiologie der Funktionsstoerungen des Kopfgelenksbereichs in: M. Hlse, W.L. Neuhuber, H.D. Wolff, Der kranio-zervikale bergang Grundlagen Klinik Pathophysiologie).

 

  1. Das Segment : C2

Die Hauptbewegungen sind Flexion und Extension, wobei die Facetten nach ventral und cranial und dorsal und caudal gleiten. Seitneigung und Rotation finden gleichsinnig statt. Dabei gleitet die Facette auf der Neigungsseite maximal nach dorsal und caudal (wie bei Extension/ Konvergenz) und die Facette der anderen Seite maximal nach ventral und cranial (wie bei Flexion/Divergenz). Des weiteren stellt C2 eine sogenannte uebergangsregion dar und ist deshalb stoeranfaelliger, C2 ist das Segment fuer Seitneigung der gesamten HWS und bildet den Sockel fuer die unruhigen Kopfgelenke.

 

 

  1. Flexion/Extension C0-C2

 

Wird die Flexion weit genug durchgefuehrt, ueberschreitet der Schwerpunkt des Kopfes den Drehpunkt und verlagert sich in Relation zu diesem nach ventral kommt es zur sogenannten paradoxen Atlaskippung. Hierbei naehert sich der hintere Atlasbogen bei weiterer FL wieder dem Hinterhaupt an. Somit fuehrt C0 eine EXT durch und C1 eine FL. Hierdurch wird eine zu starke Kyphose der HWS vermieden und eine massive Dehnung der Dura.

 

  1. Seitneigung C0-C2

Durch die Ligamenta alaria entsteht das okzipitoaxiale Bewegungs-segment C0-C2.

Der Atlas weicht als typische Reaktion bei Seitneigung in die Richtung der Konkavitaet aus.

Es kann zu unterschiedlichen Bewegungsmustern des Atlas kommen ob man im Sitz aktiv oder passiv Seitneigung untersucht oder im Liegen aktiv oder passiv. Im Liegen entfaellt z.B. das Gewicht des Kopfes als Druck-komponente welches im Sitzen und bei passiver Seitneigung nicht der Fall ist. Ursachen fuer die Atlaslateralisation koennen sein: Von cranial ein-wirkender Druck durch das Occiput, von caudal einwirkender Druck durch die Axisschultern, die Keilform der Massae laterales C1, Spannungsaenderungen in verschiedenen Anteilen der Ligg. alaria durch die Rotation von C2.

Die entgegengesetzte Rotation zu Seitneigung ermoeglicht es den Kopf in der Mitte und den Blick gerade zu lassen. Die Kopfgelenke gleichen die unterhalb C2 stattfindende gleichsinnige Rotation aus.

 

  1. ROTATION C0-C2 (z.B. nach links)

Am Ende der Bewegung steht C0 in Seitneigung rechts und Rotation links. Der Abstand zwischen rechter superiorer Axisgelenkflaeche und dem rechten Occiputkondylus ist geringer und links groesser geworden (durch die SN links von C2). Der Abstand zwischen Massae lateralis und Dens Axis auf der linken Seite ist geringer, auf der rechten Seite groesser geworden.

Bei Rotation links entsteht ab C2 nach unten auch eine Seitneigung nach links. Diese wird durch die Kopfgelenke ausgeglichen.

 

Wenn man sich dies einige Male am Skelett veranschaulicht, kann man es sich besser vorstellen und merken. In der Therapie werden dann „wahre Wunder“ geschehen, wenn man die richtigen Dysfunktionen entdeckt und behoben hat. Viel Spass beim Therapieren!

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