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Manuelle Therapie in der onkologischen Rehabilitation

Die Nachbehandlung von HNO Tumoren ist eine interdisziplinäre Aufgabe und stellt eine besondere Herausforderung für das Reha Team dar. Erst die Zusammenarbeit von HNO Abteilung, Physiotherapie und Logopädie führt zu einer erfolgreichen Rehabilitation. Dazu ein Fallbeispiel aus dem Stationsalltag.

Herr S., 60 Jahre wird mit folgender Diagnose zu einer 3 – wöchigen stationären Rehabilitationsmaßnahme überwiesen: Carzinom Oropharynx links. Z.n. Tumorresektion 01 / 2018 Rekonstruktion und Neck dissektion beidseits. Z.n. Radio-/Chemotherapie, Z.n. Tracheotomie, Port, PEG (Perkutane Endoskopische Gastrostomie).

Was muss man sich unter einer Neck Dissektion vorstellen? Bei einer „radikalen Neck Dissection“ werden die Halslymphknoten und angrenzendes Gewebe operativ entfernt. Dazu gehören Muskeln (M. sternohyoideus, M. sternothyroideus, M. omohyoideus, M. sternocleidomastoideus), Gefäße (Vena jugularis) und Teile des Nervus accessorius.

Die Auswirkungen der Tumortherapie auf den Alltag des Patienten sind erheblich. Herr S. kann sich nicht oral ernähren, kaum sprechen, hat eine Trachealkanüle. Dazu kommen motorische Einschränkungen von Schulter und Halswirbelsäule, Schwellung und Hautveränderungen im Halsbereich – als Folgen der Bestrahlung.

Nach der Aufnahme in der Rehaklinik im Mai 2018 wird Herr S. umgehend in der HNO Abteilung angemeldet. Dort wurden u.a. folgende Untersuchungsbefunde erhoben:

  • Mundhöhle / Oropharynx: eingeschränkte Mundöffnung, Schleimhäute gerötet, geschwollen. Zunge fast vollständig fixiert, trocken. Epiglottis gebogen und geschwollen.
  • Tracheostoma i.O. Stimmlippenstillstand re, li minderbeweglich. Derbe Narbenverhältnisse nach Radiatio, stabile Atemsituation.

Ein Probeschluck von Fruchtmus und Flüssigkeit zeigte, das der Schluckreflex verzögert ausgelöst wurde und die Nahrung nicht in Richtung Zungengrund vorgeschoben werden konnte. Keine Aspiration.

Fazit des Untersuchungsergebnisses: keine Freigabe der oralen Nahrungsaufnahme!

Die Therapieempfehlung für die Logopädie lautete: Schlucktherapeutische, stimm- und sprechtherapeutische Mitbetreuung.

Herr S. war sehr enttäuscht über das Untersuchungsergebnis. Er hatte gehofft nach fast einem halben Jahr mit dem Kostaufbau beginnen zu können und mit anderen Patienten auf Station zu essen, stattdessen musste er nun die Ernährung über die PEG Magensonde fortsetzen. Das Rehabilitationsziel wurde daraufhin angepasst.

Herr S. kam fast täglich in den Kraftraum zur medizinischen Trainingstherapie – langfristig wollte er seine letzte Tätigkeit als Hausmeister wiederaufnehmen und sein Gartengrundstück selbstständig pflegen. Die Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit war ein wichtiges Ziel für ihn.

Ein weiterer Schwerpunkt war die physiotherapeutische Behandlung:

Auffällig waren das Ödem am Mundboden / Halsbereich (links betont), der protrahierte Schultergürtel li > re (Narbe) und erhebliche Muskelatrophien im Bereich der linken Skapula.. Herr S. konnte mit dem linken Arm keine Überkopfaktivitäten durchführen, Schmerzen verneinte er.

Bei der körperlichen Untersuchung zeigten sich eine erhebliche Bewegungseinschränkung des linken Schultergelenks, Flexion 80° (passiv 90°), Abduktion 30° (passiv 50°), Außenrotation 30°. Endgefühl: festelastisch. Schultergürtel: Elevation und Retraktion links reduziert.

Die Muskelfunktionsprüfung links ergab Kraftstufe 3 für Delta, 4 für Biceps und Triceps brachii. Für Trapezius und Sternocleidomastoideus Kraftstufe 0.

Auch die Beweglichkeit von HWS und BWS waren eingeschränkt: Extension – Flexion 11,5 cm / 5,5 cm Rotation re / li: 40° / 0 / 50° Lateralflexion re / li 20°/ 0 / 15°.

Kiefergelenk: Mundöffnung 1,5 Patientenfinger, Laterotrusion re / li beidseits limitiert li>re. Protrusion 5mm. Endgefühl festelastisch.

Der Schwerpunkt der physiotherapeutischen und manualtherapeutischen Behandlunglag in der

  • Verbesserung der Armfunktion links: Mobilisation Glenohumeralgelenk & Scapula, Muskelaufbautraining für Rumpf- und Skapulamuskulatur
  • Abbau von Schonhaltung: Mobilisation BWS / CTÜ / HWS. Muskeldehnung Mm. pectorales und suboccipitale Muskulatur
  • Kiefergelenk: Quer- und Funktionsmassage M. masseter, pterygoideus medialis. Detonisierung supra / infrahyoidale Muskulatur, Mobilisation Os hyoideus. Traktion / Ventralgleiten TMG – wegen der empfindlichen Schleimhäute und einer Mukositis im Rachenraum wurden die Mobilisisationstechniken ausschließlich extraoral durchgeführt.
  • Narbenmobilisation und manuelle Lymphdrainage

 

Ergebnis nach 6 Behandlungseinheiten: Mundöffnung 2 Querfinger, der Patient hatte aktive Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit von Wirbelsäule / Kiefer- und Schultergelenk erlernt, die er zuhause fortsetzen wollte.

Herr S. war mit den erreichten Therapiezielen im Rahmen der physiotherapeutischen und logopädischen Behandlung zufrieden, fühlte sich gut informiert – trotz der anfänglichen Enttäuschung über die Verzögerung der Kostfreigabe.

 

 

 

 

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