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Warum kann der Darm Schuld an Rückenschmerzen sein?

Diese Frage stellte mir jüngst eine Patientin:

 

Die aktuelle Thematik, mit der sich Manualtherapeuten während der Untersuchung immer häufiger beschäftigen, ist das Einorden der Symptomatik des Patienten in den Gesamtkontext des Organismus. Um bei unserem Beispiel  zu bleiben, was haben Darmprobleme mit Rückenschmerzen gemeinsam?

 

Nicht erst seit der Verbreitung der viszeralen Osteopathie sind Zusammenhänge zwischen viszeralen und parietalen Strukturen verbreitet. Schon durch die Erkenntnis der Head`schen Zonen und dem Begriff „referred pain“, weiß man von Korrelationen.

Aber auch über Nervenfasern des Vegetativen Nervensystems und die Verschaltung auf Rückenmarksebene können Synergien erklärt werden.

 

Durch die afferente Weiterleitung von z.B. Motilitätsstörungen des Darms zur WS und der Verschaltung im Hinterhorn wird das entsprechende Segment getriggert und es kommt zu lokalen Reaktionen, was hypertone Muskeln und funktionsgestörte Gelenke zur Folge hat.

 

Ein weiterer Trigger können Neurotransmitter, wie Serotonin sein oder Hormone wie Noradrenalin, Adrenalin oder Cortisol, die im gastrointestinal Trakt (GI-Trakt) ausgeschüttet werden und bei der Weiterleitung zum Kortex an der Wirbelsäule eine lokale Reaktion initiieren.

Auffällig wird die Funktionsstörung der WS, verursacht durch den GI-Trakt in Form von Gruppenblockaden, d.h. es sind immer 3-4 Segmente übereinander betroffen. Deutlich zu beobachten bei der aktiven Untersuchung des Patienten.

 

Bei den gastrointestinalen Problemen, mit denen die Patienten in die PT Praxis kommen, handelt es sich in der Regel um funktionelle gastrointestinale Störungen (FGIS), zu den z.B. das Reizdarmsyndrom (RDS), funktionelle Dyspepsie (FD) oder funktionelle Bauchschmerzen (FAS) gehören. Diese Erkrankungen werden mithilfe der ROM III Kriterien diagnostiziert und sind eine Ausschlussdiagnose. Was bedeutet das anatomische, neoplastische oder metabolische Prozesse bzw. Ursachen ausgeschlossen sind. Das RDS ist die häufigste Erkrankung der FGIS mit einer Inzidenz und Prävalenz von bis zu 25% (Frieling T., Schenemann M. Reizdarmsyndrom – Epidemiologie und Pathophysiologie coloproctology 2014 36:181-189) und geht mit dem Symptomkomplex Bauchschmerzen, Stuhlabnormitäten und verminderter Lebensqualität einher (Layer et al 2011).

 

Durch Ernährungsumstellung und entsprechende Psychohygiene lässt sich somit der Einfluss auf die Wirbelsäule bei gut funktionierendem Darm erklären.

Diese Ergebnisse werden durch eine große Studie aus Australien mit über 38.000 Frauen unterstützt. Hier wurde ein deutlicher Zusammenhang festgestellt zwischen gastrointestinalen Symptomen und dem Auftreten von Rückenschmerzen (Smith MD, Russel A., Hodges PW How common is back pain in women with gastrointestinal problems? Clin J Pain 2008 24(3): 199-203).

 

Auch bei Kindern besteht schon eine hohe Prävalenz. Ungefähr 8% der Kinder in westlichen Ländern sind betroffen (Müller et al. 2014). Die Pathogenese ist nicht vollständig erforscht aber genetische Dispositionen und psychosoziale Faktoren werden diskutiert.

 

Die Pathophysiologie der FGIS ist sehr komplex. Es gibt mittlerweile viele Hinweise auf das Erklärungsmodell der viszeralen Hypersensitivität und einer gestörten Gehirn-Darm-Achse. Die Patienten leiden schlussendlich unter viszeralen Schmerzen (Elsenbruch 2015).

 

Auch die Therapieansätze sind bei dem Krankheitsbild noch insuffizient. So werden in den S3 Leitlinien von 2011 postuliert, dass es keine Standardtherapie gibt und aufgrund der Heterogenität des Krankheitsbildes symptomorientiert verfahren werden sollte (Layer et al 2011).

 

Eine Indikation zur manualtherapeutischen Behandlung des Patienten mit FGIS, liefert uns wie immer, eine umfangreiche Untersuchung. Die Befunde struktureller Störungen der WS über mehrere Segmente, lymphatische Schwellungen der Lumbalregion beidseits der WS, sowie Funktionsstörungen der ISG können immer auch mit gastrointestinalen Problemen korrelieren. Eine Untersuchung des Abdomens unter funktionellen Gesichtspunkten ist zu empfehlen. Ebenso eine Anamnese die gezielt die Funktion aller Organsysteme abfragt.

 

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